Epilepsieprojekt 2007 – 2010

Schwerbehinderung

Habe ich als Betroffener Anspruch auf einen (Schwer)-Behindertenausweis?

Epilepsie ist eine Erkrankung, die eine Behinderung oder sogar eine Schwerbehinderung darstellt. Demzufolge hat man Anspruch auf einen Behindertenausweis. Da dieser nicht nur Vorteile bietet, sondern auch mit Nachteilen verbunden sein kann, sollte der Betroffene zuvor bedenken, wofür er den Behindertenausweis möchte und ob die Anerkennung einer Behinderung für ihn sinnvoll ist. Wichtig zu wissen ist außerdem: auf Nachfrage muss das Vorhandensein eines solchen Ausweises angegeben werden. 


Welche Vor- bzw. Nachteile hat die Anerkennung der Behinderung?

Vorteile:
Bei Kindern und Jugendlichen kann der Behindertenausweis die Situation der Eltern erleichtern (z.B. durch steuerliche Vorteile). Wesentliche Vorteile des Schwerbehindertenausweises für Betroffene im Berufsleben sind ein spezieller Kündigungsschutz, fünf zusätzliche Urlaubstage pro Jahr bei Vollbeschäftigung und steuerliche Vergünstigungen. Zudem hat man das Recht Mehrarbeit abzulehnen. Auch der Arbeitgeber erhält zum Teil erhebliche Förderungen (über das Integrationsamt), wenn er einen schwerbehinderten Bewerber einstellt.

Nachteile:
Unter Kindern und Jugendlichen kann sich die Anerkennung der Behinderung negativ auswirken, da das an Epilepsie erkrankte Kind bzw. der Jugendliche einen Sonderstatus einnimmt und die Gefahr einer Ausgrenzung besteht.

Bei Jugendlichen im berufsfähigen Alter bzw. bei Erwachsenen kann die Anerkennung einer Behinderung die Stellensuche erschweren. Dies kann insbesondere in der Phase der Berufsorientierung sehr enttäuschend sein. Je höher die Behinderung graduell eingestuft wird, desto größere Zweifel an der Belastbarkeit des Bewerbers können beim Arbeitgeber entstehen.


Wo wird der (Schwer-)Behindertenausweis beantragt?

Antragsformulare zur Anerkennung als (Schwer-)Behinderter erhält der Betroffene über das Versorgungsamt, die Hauptfürsorgestelle, die Schwerbehinderten-Vertrauensstelle im Betrieb, andere Beratungsstellen der Sozialbehörde oder über den Sozialdienst im Krankenhaus. Bei Antragstellung sollten Art und Auswirkungen der epileptischen Anfälle möglichst genau geschildert werden. Folgeschäden, psychische Auswirkungen, Schmerzen oder sonstige Gesundheitsstörungen sind ebenfalls anzugeben. Ratsam ist es, ärztliche Befunde zusammen mit dem Antragsformular abzugeben. Sobald der Behindertenausweis beantragt ist, prüft die entsprechende Institution, ob eine Behinderung vorliegt und wie hoch der Grad der Behinderung ist.


Wie wird der Grad der Behinderung eingeschätzt?

Der Grad der Behinderung (GdB) bzw. die Minderung der Erwerbsfähigkeit (MdE) wird vom Schwerbehinderten- bzw. sozialen Entschädigungsrecht vorgegeben. Bei der Bewertung werden die Art, Schwere, Häufigkeit sowie die tageszeitliche Verteilung der Anfälle bewertet. Der Schwerbehindertenausweis wird ab einem GdB von 50 Prozent ausgestellt. Bei einem GdB von 30-50 Prozent kann bei der Agentur für Arbeit eine Gleichstellung beantragt werden, wenn aufgrund der Behinderung im Erwerbsleben Nachteile auftreten oder zu erwarten sind.

Eine Übersicht über die Einschätzung des Grades der Behinderung liefert die nachfolgende Tabelle:

Anfallshäufigkeit     

Semiologie

GdB/MdE-Grad (%)

sehr selten

Große und komplex-fokale Anfälle mit Pausen von mehr als 1 Jahr;  Kleine und einfach-fokale Anfälle mit Pausen von Monaten

40

selten

Große und komplex-fokale Anfälle mit Pausen von Monaten;

50 bis 60

mittlere Häufigkeit

Kleine und einfach-fokale Anfälle mit Pausen von Wochen

60 bis 80

häufig

Wöchentlich große und komplex-fokale Anfälle oder Serien mit generalisierten Krampfanfällen, von fokal betonten oder multi-fokalen Anfällen; täglich kleine und einfach-fokale Anfälle

90 bis 100

 Quelle: Epilepsie-gut-behandeln.de

Liegt eine drei Jahre anhaltende Anfallsfreiheit vor, so wird bei weiterer Notwendigkeit einer antikonvulsiven Behandlung wegen fortbestehender Anfallsbereitschaft ein GdB/MdE-Grad von 30 zugrunde gelegt. Besteht ohne Medikation drei Jahre Anfallsfreiheit, so gilt das Anfallsleiden als abgeklungen. Ohne nachgewiesenen Hirnschaden ist dann kein GdB/MdE-Grad mehr anzunehmen.


Was genau bedeutet der Nachteilsausgleich?

Neben der Grundeinschätzung des Behindertengrades gibt es entsprechende Vergünstigungen (Nachteilsausgleich), die gemäß Schwerbehindertenrecht als Merkzeichen im Behindertenausweis eingetragen werden. Sie haben folgende Bedeutung:

Merkzeichen    

Bedeutung/ Nachteilsausgleich

G

Gehbehindert
Erhebliche Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr (im Allgemeinen erst ab einer mittleren Anfallshäufigkeit, wenn die Anfälle überwiegend am Tag auftreten.) Der Epilepsie-Patient hat in diesem Fall Anspruch auf unentgeltliche Beförderung im öffentlichen Personennahverkehr.

B

Begleitungsperson notwendig

Bei Anfallskranken ist die Notwendigkeit ständiger Begleitung bei der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel dann gegeben, wenn von einer erheblichen Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr auszugehen ist. Epilepsie-Patient und Begleitperson fahren im öffentlichen Personennahverkehr gebührenfrei.

H

Hilflos
Bei schwerster Epilepsie

aG

Außergewöhnliche Behinderung beim Gehen
Bei schwerster Epilepsie

RF

Befreiung von Rundfunk- und Fernsehgebühren
Bei schwerster Epilepsie

 Quelle: Epilepsie-gut-behandeln.de